„Was ist der Mensch“ Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Pfungstadt
vom 01.04.2016-10.04.2016
Drei Künstler sind diesem Thema auf der Spur. Hüseyen Aslan findet in seiner experimentellen Musik und in seinen Videos einen Weg zum Ursprung der Dinge. Joachim Schluckebier möchte mit seinen keramischen Plastiken und Skulpturen dem Wesenhaften des Menschen nahe kommen. Joachim Henkel zeigt in seinen Keramischen-Objekten in abstrakter Weise die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit des Menschen. Zusätzlich ist ein gemeinsames Projekt der drei Künstler als Video-Installation in der Ausstellung zu sehen mit dem Titel: „Dem Fremden ein Gesicht geben“ In dem Beitrag sind Porträts von Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund zu sehen. In der Begegnung mit dem Anderen von Angesicht zu Angesicht öffnen sich neue Wege.




Auf eine Videoleinwand zeigen wir Porträts von mehr als 30 Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Von einer Familie aus Afghanistan, die seit 5 Monaten hier ist bis zu einem Dozenten an der Hochschule Darmstadt der mit 19 aus der Türkei gekommen ist reicht das Spektrum. Uns allen ist gemeinsam, dass wir für Offenheit und Respekt weben und gegen Rassismus und Ausgrenzung sind.

 

 

 

       Eröffnungsrede:
      WAS IST DER MENSCH | von Andrea Suppmann
         Synagoge Pfungstadt, 1. April 2016, 19 Uhr
 
 
Eine Ausstellung zum Thema Menschsein hier an diesem geschichtsträchtigen Ort zu eröffnen ist mir eine besondere Ehre, es schüchtert mich fast ein. Die Frage nach dem Menschen in einer so denkwürdigen Zeit des Umbruchs, in der Terror, Krieg und Flucht so nahe gekommen sind, wird mit Werken der Kunst gestellt und nicht in einem Diskurs erörtert. Und sie wird in einem historischen Gebäude gestellt, das einer unsäglichen Zeit entkommen konnte, das die Pogromnacht 1938 wie durch ein Wunder überlebte und heute ein Ort vielfältiger kultureller Veranstaltungen ist. Angesichts der kontinuierlich angestiegenen rassistischen Übergriffe, rechtsextremen Brandanschläge und verbalen Hetze hält man hier inne und will nicht wahrhaben, was Bert Brecht im Epilog der Parabel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, 1941 befürchtet hat: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Auch wenn dies nur für wenige gelten mag, ist es doch wichtig, dagegen aufzubegehren, mit welchen Mitteln auch immer. 3 Künstler aus der hiesigen Kunstvereinigung Kunst-Werk haben sich mit der Frage nach dem Menschenbild zu dieser kleinen Ausstellung zusammengetan. Hüseyin Aslan wird diese Ausstellung durch seine musikalische Improvisation eröffnen. Er ist gelernter Schreiner, arbeitet aber seit 11 Jahren als experimenteller Künstler, der in vielen Medien beheimatet ist: Er schreibt, filmt, fotografiert, zeichnet, malt, singt und er macht Musik, allein oder in einer Band. Joachim Schluckebier ist gelernter Elektroingenieur, malt aber seit Jahren und bildhauert mit Ton. Joachim Henkel hat eine Glaskunstlehre gemacht und arbeitet als Optiker, er stellt seit langem Keramikobjekte her. Mit dem gemeinsamen Videoprojekt Dem Fremden ein Gesicht geben statuieren sie ein Exempel dafür, wie man mit einfachen Mitteln einen Willkommensgruß der besonderen Art gestalten kann. Frauen und Männer mit Migrationshintergrund wurden von den Künstlern angesprochen und zum Mitmachen eingeladen. Unabhängig von ihren Sprachkenntnissen erhielten sie die Möglichkeit, für jeweils eine Minute in die Kamera zu blicken, ohne Vorgaben und Regieanweisungen. In diesen Momentaufnahmen blicken sie dem Betrachter frontal entgegen, zugewandt und doch gebannt von der ungewohnten Aufmerksamkeit. Die Rezipienten, d.h. alle Betrachter haben ihrerseits die Möglichkeit, sich mit diesen Porträts auseinanderzusetzen, ihnen näherzukommen, in der wiederholten Konfrontation vielleicht sogar Ängste oder Vorurteile abzubauen. Aufnahmetechnisch scheinen die Porträts fast standardisiert zu sein: Der Hintergrund ist entweder monochrom oder besteht aus einem Mauerfragment mit einem Ornamentfries. Ausschnitte, Ansichten, Lichteinfälle oder Tiefenschärfe, das alles spielt kaum eine Rolle. Unter den Fotografierten sind auch viele Menschen, die hier schon länger leben, studiert haben, arbeiten, die aber einstmals auch als Fremde ankamen. Die Aufnahmen haben nichts Beiläufiges, die Menschen blicken uns direkt an, ohne Schnörkel und Umwege, ohne Pose und Inszenierung. Sie machen einen selbstbewussten Eindruck und scheinen hier angekommen zu sein. Als Betrachter interagiert man mit einem Lächeln, erwidert die unverstellte Mimik der Porträtierten und begibt sich ohne Vorbehalte in diese Form der Kommunikation mit dem Fremden, deren Länge wir allein steuern. Die Bilder laden zur direkten Begegnung ein, sie fordern uns förmlich dazu auf. Die mediale Vermittlung in Form dieses Videoprojekts ermöglicht eine „Kontaktaufnahme“, lässt einen nähertreten und den Fremden als Individuum wahrnehmen, der mit denselben Menschenrechten ausgestattet ist wie wir. Auf diese Weise könnte die intensive Begegnung im künstlerischen Medium dazu beitragen, den Tendenzen der Ablehnung und Ausgrenzung zu trotzen. Auf die Frage Was ist der Mensch? wie der Ausstellungstitel lautet, gibt es viele Antworten. Was bedeutet das einzelne Menschenschicksal in Zeiten, in denen Flüchtende als bedrohende Massen, als unkontrollierbare Invasionen wahrgenommen werden, in Zeiten, in denen Menschenzahlen zu aller Nutzen hin- und herverhandelt werden, in Zeiten, in denen Maßnahmen der Integration bzw. Inklusion nur allzu zögerlich getroffen werden. Inklusion, das würde heißen, die gesellschaftliche Teilhabe aller zu ermöglichen, gleich welcher Beeinträchtigung mit dem Ziel die neue Vielfalt in jeglicher Hinsicht zu nutzen (Sprachen / kulturelle Besonderheiten erfahren/ individuelle Kompetenzen und jegliche Ressourcen einzusetzen...) Der Menschenrechtler Jürgen Micksch, der Pro-Asyl vor mehr als 30 Jahren gründete und derzeit Vorsitzender des Interkulturellen Rats in Darmstadt ist, hat im Januar diesen Jahres in einem Interview gesagt: Flüchtlinge sind Botschafter für Veränderung. Sie werden uns beibringen, dass wir unseren Reichtum teilen müssen. Ob das mit dem Teilen klappen wird in einer Welt, in der ein Zehntel der Bevölkerung 85% des Gesamtvermögens besitzt, da kann man seine Zweifel hegen, aber etwas mehr Gerechtigkeit und Akzeptanz unterm Strich und weniger Ängste vor Veränderung in unserem „Wohlstandsghetto“ (Navid Kermani), das wäre schon viel. Von weitem erinnern diese beiden Keramikwerke ohne Titel von Joachim Henkel an Modelle von verkarsteten Weißjuragesteinen. Diese höhlenartigen Behausungen zeigen starke Kontraste von weißem, stellenweise samtig-geglätteten Ton und stark strukturierten Partien. Rillen, Schneisen, Spalten und Furchen durchziehen diese Flächen und scheinen sie an manchen Stellen fast eruptiv zu sprengen. Von innen zerborsten oder von außen verkarstet scheinen diese landschaftlichen Formationen Naturphänomenen abgeschaut zu sein. Und doch sind sie mit Ton feinfühlig bemessen und mitunter gekonnt dem Zufall überlassen. Es ist in diesem Zusammenhang mit Sicherheit kein Zufall, dass Joachim Henkel auch Bergsteiger ist /gewesen ist. Feine Risse und Rinnen verweisen auf die Massivität des Steins und dunkle Krater lassen an heiß-brodelnde Lavaströme denken. Labyrinthische Gänge ziehen sich hie und da in das Gestein, in einen kaum erahnbaren Innenraum. Das Gewaltige des Naturvorbildes, seine bergende aber auch zerstörerische Kraft spiegelt sich in diesen Objekten wider, deren Materie gleichwohl Verletzlichkeit und Brüchigkeit assoziieren lässt. Der französische Philosoph Roger Callois hat in seinem ästhetischem Essay mit dem Titel Steine über die „geheimnisvollen Metamorphosen“ der Steine, des „schlechthin Unverrückbaren“ geschrieben, die im Laufe ihres Lebens von Wind und Wetter geschliffen, gestreichelt und gezeichnet werden und oft eine bizarre Schönheit erreichen, „jenes unerklärliche und nutzlose Plus“, wie Callois es nennt. Im Gegensatz zu den Formungen der Natur ist in jede dieser beiden Arbeiten eine Reihung handgefertigter schwarzer Tontafeln in unterschiedlicher Größe angebracht und einmal sogar mit roter Farbe hinterlegt. Joachim Henkel versteht sie als Hinweise auf Lebensentwürfe und Träume des Menschen, die, das könnte man hinzufügen weit weniger Vielfalt und Geheimnis bergen als die irregulären Schöpfungen der Natur. Sein oder Nichtsein besteht aus drei Keramikobjekten, über denen ein viertes Behältnis mit Deckel schwebt. Bizarr aufgeraute Texturen, Schrunden und schlitzartige Perforationen gestalten kryptische Landschaften auf den Wänden der Objekte, in die aber auch Relikte der industriellen Gesellschaft wie ein Plastikschlauch von Gefäß zu Gefäß zunehmend integriert wird. Ob das vom Künstler als Urne bezeichnete, über allen schwebende Gefäß, ein schlechtes Omen für das Überleben der Natur signalisiert oder anknüpfend an den Titel ein apokalyptisches Szenario andeutet, bleibt offen. Es gelingt Joachim Henkel in diesen Arbeiten jedenfalls in abstrakten Strukturverläufen beeindruckende Naturanalogien zu schaffen. Im Kontext dieser Ausstellung ist man geneigt die Frakturen und Risse als Metaphern für die Fragilität und Verletzlichkeit menschlichen Daseins zu verstehen, von denen viele Menschen heute wesentlich stärker betroffen sind als andere, deren Schicksal in größerem Maße selbstbestimmt ist. Joachim Schluckebier präsentiert in dieser Ausstellung 6 Skulpturenporträts aus schwarzem Ton. Diese Arbeiten erinnern nicht nur stilistisch an manche Skulpturen von Ernst Barlach, auch inhaltlich werden hier wie bei Barlach Gemütszustände des Menschen thematisiert. Obwohl figürlich gestaltet, reduziert Joachim Schluckebier das Gesicht auf genau den Ausdruck in der Mimik, genau die eine Geste mit den Händen, die ausreicht, um dem jeweiligen Typus auszuweisen. Die Differenz zwischen Nachdenken und Grübeln ist beileibe nicht so groß und doch: Um wie viel entspannter wirkt der lächelnde Mund und die hingebungsvoll geschlossenen Augen des Nachdenklichen, selbst die Hände scheinen zarter und spielerischer den Kopf zu umfassen als das beim Grübelnden der Fall ist, dessen Anstrengung seinem Gesicht einen leicht gequälten Ausdruck verleiht und dessen verkrampfte Hände das Bemühen noch sinnfälliger werden lassen. Beim Kopfmenschen wird das Blockhafte dieser Arbeiten noch deutlicher, das ganz im Kernvolumen bleibt und der in seiner Sitzposition an den Statuentyp des ägyptischen Würfelhockers erinnert. Die Arme und Beine dieser Skulptur sind mit dem Körper zu einer kompakten unbeweglichen Form verschlungen, die einen viel zu großen Kopf trägt. Die Körperproportionen sprechen für sich und weisen sehr deutlich auf eine eingeschränkte Mobilität hin. Dem Sprichwort der drei Affen folgend, die nichts hören, nichts sehen und nichts sprechen, sind hier drei Porträts mit entsprechenden Titeln entstanden, die sehr sinnfällig die Gestik der Affen auf den Menschen übertragen: Die Ohren werden verschlossen, die Augen und der Mund zugehalten. Im Gegensatz zu der ursprünglich aus Japan stammenden Leseweise, die den Affen symbolisch als Schutz vor schlechten Einflüssen verbaler, auditiver oder visueller Art sieht, wird im Westen die Vorstellung des passiven Ignoranten vertreten. Aus der Hand eines politisch engagierten Menschen wie Joachim Schluckebier - und damit schließt sich der Kreis zum Thema der Ausstellung - ist diese Arbeit zweifelsohne als sinnbildliche Kritik an Menschen zu verstehen, die desinteressiert und ohne Meinung sind und denen es an Zivilcourage fehlt. Ein bisschen sind wir vielleicht alle gemeint, nicht nur die politisch Verantwortlichen, die angeblich schon seit Jahren wussten, zuschauten, weghörten und sich auf einmal überrollt und überfordert fühlen. In diesem Sinne sind Sie alle aufgefordert zu schauen, zu hören und miteinander zu sprechen. Die Ausstellung ist hiermit eröffnet.